Indiens Kampf um Sand

Indiens Kampf um Sand

Delhi, Indien. 2018

Früh morgendlicher Dunst hängt tief über dem lang gestreckten und weitläufigen Vasai Fluss, nördlich von Mumbai. Ein Hauch von Salz des nahen Arabischen Meeres liegt in der Luft und vermischt sich mit dem Diesel der Bootsmaschinen. Nur langsam zeichnen sich erste Konturen von den gegenüberliegenden Wohn-Hochhäusern der Millionenstadt Thane ab. Sie gehört zum Großraum Mumbai, in dem 22,8 Millionen Menschen leben und der einer der dicht besiedelsten Metropolregionen der Welt ist.

Mit dem Einsetzen der Ebbe beginnt für die Sandtaucher ihr Arbeitstag. Mühselig wird der schwere, mit allerlei Plastikdreck und schwarzem Schlamm behangene Anker des bauchigen Holzbootes eingeholt. Andere Boote sind schon an einer geeigneten Stelle in Ufernähe in Position gebracht worden. Um die hundert Boote ankern hier in mehreren Reihen miteinander verbunden. Lange Stahlrohre werden in den schlammigen Grund gehauen. Sie dienen den Sandtauchern unter Wasser zur Orientierung und als Halt gegen die Strömung. Schutzausrüstung gibt es nicht. Mit großen Blecheimern tauchen sie bis zu 12 Meter tief, um den dringend benötigten schwarzen Sand dem Flussbett zu entreißen. Einer von ihnen ist Radhesyam Sahni. Für ein volles Boot mit Sand erhält der Taucher umgerechnet 15 Euro. Das ist immerhin fast das Vierfache des üblichen indischen Tagelohns und noch das Dreifache dessen, was die übrigen Arbeiter an Bord verdienen. „Unter Wasser ist alles schwarz“ erklärt er „mit meinen Beinen ertaste ich eine günstige Sandstelle und drücke anschließend den Eimer in den Sand, um ihn zu füllen“. Viele der Taucher klagen über Kopfschmerzen, Schwindelgefühle oder kaputte Trommelfelle. Verlieren sie unter Wasser das Bewusstsein bedeutet das in dem trüben Fluss meist das Todesurteil. Die Leichen werden wegen der Strömung oft erst nach Tagen irgendwo angespült.

Unsere ganze Zivilisation ist buchstäblich auf Sand gebaut. Für jede Mauer, jede Straße, jedes Fenster, sogar für Kosmetikprodukte und für jeden Computerchip wird Sand benötigt. Er ist, neben Luft und Wasser, die meistgenutzte natürliche Ressource der Erde. Allerdings lassen sich nur Quarzsande aus der Erde oder dem Wasser verarbeiten. Wüstensand hingegen ist nicht brauchbar, da die Sandkörner durch den Wind rund geschliffen sind und sich durch die fehlenden Kanten nicht mehr verhaken können.
Durch die unzähligen Flüsse, die sich durch den indischen Subkontinent schlängeln und die 7000 km lange Küste ist Indien zu einem Hauptexportland für den Rohstoff Sand geworden. Der Großteil wird allerdings im eigenen Land gebraucht. Hat Premierminister Narendra Modi doch selber den ehrgeizigen Plan ausgegeben, daß im Jahr 2030 die Hälfte der indischen Bevölkerung in Städten wohnen soll.

Im ostindischen Westbengalen schlängelt sich das ausgetrocknete Flussbett des Damodar durch eine laut Wikipedia der „wirtschaftlich fortschrittlichsten“ Regionen des Bundesstaates. Was das bedeutet, kann man gut an dem Fluss ablesen. Wenn dieser den Ort Bardhaman erreicht, 100 km nordwestlich von Kolkata gelegen, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Für insgesamt 5 Wasserkraftwerke sind der
Damodar und seine Zuflüsse bis hierhin schon aufgestaut worden. Unzählige Industriezweige haben sich an seinen Ufern angesiedelt. So fließen Reste aus der Kohlereinigung, des größten indischen Kohleabbaugebiets aus dem nahen Dhanbad, genauso in den Fluss wie die ungeklärten Abwässer unzähliger Stahlwerke, Düngemittelhersteller und Zementfabriken. Das brachte dem Damodar 2003 den
zweifelhaften Titel des verschmutzesten Flusses Indiens ein .
Auf dem weiten, sandigen Flussbett nahe Bardhaman sind unzählige Trecker mit Anhänger zu erkennen. Junge Männer aus dem benachbarten armen indischen Bundesstaat Bihar befüllen die Anhänger in Akkordzeit mit dem hellen Sand des Flussbettes. An den Ufern des verbleibenden Rinnsales werden mit Sand gefüllte Säcke von einem flachen Holzboot entladen. Danach wird das Boot wieder in der
Flussmitte verankert, um dort im hüfttiefen Wasser erneut mit Sandsäcken befüllt zu werden. Etwas flussaufwärts sind dagegen schon große Schaufelbagger am Werk, die die flachen Anhänger mit wenigen Schaufeln füllen. Die beladenen Hänger verschwinden anschließend auf den Dutzenden Baustellen der aufstrebenden Stadt, während die Löcher im Flussbett stündlich mehr und größer werden.

In der frühen Abenddämmerung beginnen drei Schaufelbagger am Ufer des Yamunas mit ihrer Arbeit. Zäh und sämig ist das tiefschwarze, stinkende Wasser hier, nachdem es die indische Hauptstadt Delhi durchquert hat. Der Strom ist wie viele andere Flüsse Indiens eher eine fließende Müllhalde. Über die Hälfte des gesamten Stadtmülls landet in dem Fluss, während im Hintergrund die modernen Neubauten
der Metropolregion in den Himmel wachsen. Die Bagger sind indes damit beschäftigt, daß schwarz sandige Ufer auf großer Breite aufzubaggern.
Gut gekleidete junge Männer haben hier das Sagen, deren teure Geländewagen so gar nicht in diese Landschaft passen. Geräumige Zelte mit Teppichen sorgen für angenehmen Schutz vor der Sonne. Doch Besucher sind hier schnell unerwünscht, zumal wenn sie eine Kamera bei sich führen. „Rede auf keinen Fall mit der Polizei“ warnt einer von ihnen zum Abschied.
Die Bilder ähneln sich in ganz Indien. Hauptsächlich in der regenfreien Zeit, wenn die Flüsse nicht so viel Wasser führen, werden Sandbänke und Flussbetten ausgebaggert und abgetragen. Leistungsstarke Pumpen befördern mancherorts gleich das komplette Flussbett in bereitstehende Anlagen, wo Sand und Kieselsteine sauber von einander getrennt werden.

Der südlich von Mumbai gelegene Kihim Beach, nahe der Stadt Alibag ist dagegen schon lange ein beliebtes Wochenendziel der Mittelschicht Mumbais. Privatvillen und Hotels verstecken sich hier zwischen dichten, tiefgrünen Palmen- und Nadelwäldern. Ein Sandstrand lädt zum Baden im Arabischen Meer ein.
Im Mai 2004 bemerkte die aus Mumbai stammende Umweltaktivistin Sumaira Abdulali zum ersten Mal, daß Sand vom Kihim Beach entfernt wurde. Als sie eines Nachts wieder die Motoren der Trucks hörte rief sie die Polizei und fuhr mit ihremeigenen Auto zum Strand. Doch die Polizei ließ auf sich warten. Dafür empfingen sie einige junge Männer, die schnell handgreiflich wurden. „Sie zerrten mich aus dem
Auto, und schlugen mich zu Boden. Anschliessend zerstörten sie die Scheiben meines Autos und drohten mir mit Schlimmerem, falls ich weiter Ärger machen sollte“ berichtet Sumaira. Die anschließenden Festnahmen der Täter ergaben, daß unter ihnen der Sohn eines einflussreichen Regionalpolitikers war. Alle Angeklagten wurden später aufgrund von Mangel an Beweisen freigesprochen. Für Sumaira war
dies ein Grund aktiv zu werden. 2006 gründete sie die Nicht-Regierungs- Organisation „Awaaz Foundation“. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, Politik und Öffentlichkeit für die dringenden ökonomischen Probleme Indiens zu sensibilisieren.
Jedoch hat der Bedarf an Sand in den letzten Jahren stetig zugenommen. Die indische Wirtschaft boomt mit Wachstumsraten von bis zu 7,2 % im letzten Quartal 2017, und hat damit zum wiederholten Male selbst China überholt. Der anhaltende Bauboom führt besonders in Indien zu einer Verschärfung des Sandraubs. Die Gewinnspanne, die mit dem illegalen Abbau des überall frei verfügbaren Sandes erwirtschaftet wird, öffnet Tür und Tor für Umgehung der bestehenden Gesetze. Je höher der Gewinn, umso mehr einflussreiche Entscheidungsträger können bestochen werden.
Zudem sind viele Menschen an diesem Prozess beteiligt. Da sind zum einen die lokalen Arbeiter, die für einen schmalen Lohn ihre Arbeitskraft darbieten. Baufirmen stellen schweres Gerät wie Trucks und Schaufelbagger bereit. Es braucht Initiatoren, die Arbeiter organisieren und den Ablauf koordinieren, Mittelsmänner, die den Sand später an Baufirmen weiter verkaufen, und Politiker und Polizisten, die von einigen oder allen vorher genannten ihre Schmiergelder beziehen. Damit rieselt der Sand durch viele verschiedene Hände und verwischt dabei alle Spuren.

Der Bauer Paleram Chauhan aus Raipur Khadar, einem Dorf südlich von Delhi hatte den Mut sich diesem verzweigten System entgegenzustellen. Auf den Feldern der dörflichen Kooperative begann eine Gruppe junger Männer damit, die fruchtbare Erde abzutragen, um an den darunter liegenden Sand zu kommen. Niemand traute sich gegen die aggressiv auftretenden Männer vorzugehen., die selber aus dem
gleichen Dorf stammten. Paleram rief immer wieder die Polizei, die untätig blieb. Er forderte die Behörden auf zum Handeln und reichte Beschwerden bei Gericht ein. Nichts passierte. Stattdessen wurden der 52 jährige und seine Familie bedroht und angegangen. Anfang 2013 kam einer der Anführer der Gruppe deswegen kurzzeitig in Haft. Wenige Wochen später wurde Paleram Chauhan am helllichten Tage in seiner
Wohnung erschossen. Des Mordes angeklagt kamen der Anführer, dessen Bruder und ihr Vater in Haft, wurden jedoch wenig später auf Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Sandraub auf dem Gebiet der Kooperative geht dagegen ungestört weiter, während sich die Anklage durch die langsamen Mühlen der indischen Justiz müht.

Die ökologischen Folgen dieses jahrelangen Raubbaus sind überall sichtbar. Der einst breite, helle Sand von Kihim Beach ist größtenteils einem grauen Lehmboden gewichen. Im ostindischen Odisha bröckelt das in Jahrhunderten geformte Ufer des Subarnarekha Flusses und bedroht nahe Siedlungen. Trotzdem wird das Flussbett weiterhin mit leistungsstarken Pumpen zu Tage gefördert und abtransportiert. In
Maharashtra stürzte eine viel befahrene Highway-Brücke zwischen Mumbai und Goa ein, nachdem es wiederholt zu Sandraub flussaufwärts der Brückenfundamente kam. Sie riss 29 Menschen mit in den Tod.
Sumaira aus Mumbai befürchtet, das auch die Vaitarna-Zugbrücke im Norden Mumbais einsturzgefährdet ist. „Beinahe jede Nacht wird hier mit Pumpschiffen Sand aus dem Flußbett gestohlen“ berichtet sie. „Dabei rollen hier Tag und Nacht vollbesetzte Züge über die Brücke“ ärgert sie sich über die vorhersehbare Katastrophe „und am hellichten Tag transportieren die Trucks den Sand zu den Baustellen, vorbei an Polizeikontrollen, die die Trucks nur gelangweilt durchwinken“ fährt Sumaira fort. Bei einem Einsturz wäre die Hauptstrecke zwischen Mumbai und Delhi unterbrochen.

In Thane machen sich gegen Mittag die ersten Boote wieder auf den Weg zum Anleger. Mühsam kämpft der laute Dieselmotor gegen die Strömung. Die Boote sind randvoll mit schwarzem Sand gefüllt, der umständlich mit großen, schalenförmigen Behältnissen entladen werden muss. Über schmale Planken balancieren die Arbeiter die Ware auf dem Kopf von Bord. Radhesyam telefoniert mit seinen beiden Kindern. Anfang Juni, zu Beginn der Regenzeit, wird er wieder bei ihnen in Maharashtra sein. „Sie fragen jeden Tag, was ich ihnen aus der großen Stadt mitbringe“ erzählt er schmunzelnd.

Viele indische Umweltaktivisten und Journalisten beklagen längst ein angestiegenes Bedrohungspotenzial bei ihren Recherchen. Die Untätigkeit der lokalen Behörden und der Polizei bei der Verhinderung und Aufklärung der Vorfälle zeigen, dass es viele gemeinsame Verstrickungen im Sandraub gibt. Erst im März 2018 wurde der Journalist Sandeep Sharma auf seinem Motorrad von einem mit Sand beladenen Truck überfahren. Aufnahmen aus einer Überwachungskamera zeigen deutlich, wie der Fahrer des Trucks gezielt den Motorradfahrer überfährt. Sandeep hatte angekündigt, belastendes Videomaterial über einen Bestechungsvorfall zu veröffentlichen. Darin soll ein lokaler Politiker einer Schmiergeldzahlung über illegalen Sandraub zugestimmt haben. Sandeep erhielt daraufhin mehrere Morddrohungen. Wenige Tage vor dem Vorfall wurde ihm Polizeischutz verwehrt und stattdessen seine Kamera konfisziert.

Doch der Widerstand wächst. Die Zeitungen sind voll von Berichten über Sandraub. Politiker überbieten sich gegenseitig mit Ankündigungen, wie sie mit entschlossenem Handeln gegen den Raub an der Natur vorgehen wollen. Der Kampf um die natürliche Ressource Sand ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
„Im Grunde ist es eine Sache von Angebot und Nachfrage“ sagt Sumaira. „Das Angebot des Sandes ist endlich, die Nachfrage ist es scheinbar nicht.“ „Aber soweitdarf es nicht kommen. Wir brauchen jetzt Alternativen“ unterbricht sie sich selber und ihr Blick gleitet einen Moment über den achtlos weggeworfenen Müll neben der Straße. „Am Besten irgendwas aus Plastik“ fügt sie hinzu.