Chittagong

Das Containerschiff "Hong Kong Pearl" liegt am Strand von Bhatiary nahe Chittagong.

Bhatiary

Chittagong, Bangladesch. April 2014

In sanftem Tempo schaukelt der Zug Richtung Chittagong. Reisfelder von unendlicher Weite ziehen an uns vorbei, nur unterbrochen von Kokospalmen und Mangobäumen. Nebelschwaden erheben sich aus der erwachenden Natur und hüllen auf ihrem Weg zur Sonne die Szenerie in gespenstisches Licht. Wir nähern uns der Küste des Indischen Ozeans. Der Nebel des Morgens weicht der aufkommenden Sonne des Tages. Von Weitem erblicke ich Schiffsbrücken zwischen den Baumkronen. Die zart grünen Reisfelder gehen über in einen Highway zu dessen Seiten sich Fabrikhallen und Hütten miteinander verflechten. Auf der Straße angekommen, entdecke ich die zahllosen aneinandergereihten Hütten als Verkaufsflächen für verschiedene Schiffsbauteile. Hier ist jeder Gegenstand zu erwerben, der Teil eines der am Strand demontierten Schiffe war: Maschinenblöcke, Inneneinrichtungen, Rollen benutzter Kabel, Navigationsinstrumente, Rettungsringe und Feuerlöscher. Teilweise sind darauf sogar noch die verblichenen Namen der einstigen Schiffe zu entziffern.

Das Verschrotten der Schiffe begann in Bangladesch in den sechziger Jahren, als in einem schweren Sturm ein griechischer Frachter auf dem Strand auf Grund lief. Da es nicht gelang, das Schiff wieder freizubekommen, gab sein Besitzer es auf. Erst Jahre später wurde es von einer metallverarbeitenden Firma aus Chittagong gekauft und über die Jahre stückweise zerlegt. 1974 kaufte eine andere Firma ein weiteres Schiff, und ließ es ebenfalls an der Küste vor Chittagong verschrotten. Bis dahin wurden Schiffe umständlich und teuer in den Häfen der Industrieländer recycled. Die Verschrottung in Bangladesch wurde immer lukrativer. Umwelt- und Arbeitsschutzbestimmungen gab es dort nicht, dafür aber millionenfach billige Arbeiter, die man ausbeuten konnte. Auch die einzige natürliche Voraussetzung, ein hoher Gezeitenhub und weicher Grund war gegeben. Größere Investitionen waren für den Einstieg in die Schiffsverwertung nicht nötig. In den achtziger Jahren stiegen auch Indien, Pakistan und China in die Branche ein.

Ich habe den Dhaka-Chittagong-Highway verlassen und steuere, unter verwunderten Blicken der Anwohner, dem Strand entgegen, um meinen neuen Freund Didar abzuholen. Er lebt in einer der unzähligen Hüttensiedlungen, die hinter dem Strandabschnitt verteilt sind. Der Strand ist, bis auf wenige Ausnahmen, auf einer Länge von knapp 20 Kilometern unter den circa 70 örtlichen Firmen aufgeteilt. Auf ihren Firmenschildern sind Worte wie ship-rebuilding oder ship-recycling zu lesen. Der Strand aber wird abgeschirmt von Mauern und schwere Toren. In einem schmalen Flussarm drängen sich unzählige orangefarbene Rettungsboote, die zu Fischerbooten umfunktioniert wurden. Als wir in einem dieser Boote aufs Meer zusteuern, enden die Mauern und Tore und geben den Blick frei auf zahllose Fracht- und Tankschiffe. Manche sind schon zur Hälfte abgetragen, bei anderen steht nur noch das Gerippe, in dem die Container aufeinander gestapelt waren. Wieder anderen fehlt die Außenhülle oder das ganze Heck. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich auf jedem Schiff mindestens einen Bewacher, der anscheinend potenzielle Diebe abschrecken soll. Auch Arbeiter sind an Bord tätig. Es fliegen Funken vom Schweißen und am Schiffsbug vertäuen mehrere Arbeiter ein Stahlseil. Andere transportieren Werkzeuge oder demontierte Schiffsteile. Zwischen den Frachtern und Tankern kontrollieren immer wieder Fischer, ihre ausgebrachten Netze und Reusen. Hier auf See liegt alles offen vor uns, niemand scheint sich mehr für unsere Anwesenheit zu interessieren.

Zurück auf dem Festland sehen Didar und ich uns wieder mit undurchdringbaren Mauern und Toren und zusätzlichem Sicherheitspersonal konfrontiert. Hier und da stehen bemannte Wachtürme der Regierung, deren Wächter die Sicherheitsleute kontrollieren und unerwünschte Besucher abwehren sollen. Das ist es der Regierung wert, um der Öffentlichkeit keine weiteren Argumente für die anhaltende Kritik an Arbeits- und Umweltschutzbedingungen zu liefern. Obwohl der Kontakt mit dem Sicherheitspersonal sehr offen und freundlich ist, will keiner die Verantwortung übernehmen und mich auf das Firmengelände lassen. Wenige Male gelingt es mir, doch hinter das schwere Eisentor zu treten. Fast überall sehe ich brennende Teile alter Innenverkleidungen. Kabel und andere Plastikreste schmoren auf großen Müllhaufen vor sich hin. Trotz der unübersehbaren Sicherheitshinweise und Mahnungen zur Vorsicht, die von allen Wänden im Tor- und Eingangsbereich warnen, laufen viele der Arbeiter barfuß und tragen keine Schutzkleidung. Lediglich die Schweißer, die ohnehin mehr verdienen, sind mit Schuhen, Handschuhen und Schutzbrille ausgestattet. Sie kommen oftmals aus der Region um Chittagong, während die einfachen Träger aus dem ärmeren Norden Bangladeschs kommen. Als Bauern kommen sie meist nur während der arbeitsarmen Zeit zwischen Aussaat und Ernte, verlassen ihre Familien und Felder und verdingen sich als Saisonarbeiter in der Abwrackindustrie. Den letzten gemeinsamen Morgen verbringen Didar und ich mit abenteuerlichem Waten durch knietiefen Schlamm, den die Ebbe freigegeben hat – vorbei an Kindern, die hier nach essbaren Wattwürmern suchen, Kühe die das drahtige Seegras fressen und Arbeitertrupps, die massive Stahlseile aus dem Schlamm zerren, mit denen Wrackteile an den Strand gezogen werden. Kein Aufseher hat den beschwerlichen Weg auf sich genommen, um uns von diesem privaten Abschnitt zu verweisen. Immer wieder sinken wir knietief in die Schlammschichten ein. Kein Paar Schuhe oder Stiefel hätte das lange mitgemacht. Endlich stehen wir am aufragenden Bug eines haushohen Containerschiffes. Mit seinen geschwungenen Außenlinien, die von einem breiten Deck auf einen schmalen Kiel zulaufen, scheint es jeden Moment zur Seite zu kippen.

Als ich mich umdrehe gleitet mein Blick noch einmal über die surreale Küste. Unzählige Ozeanriesen liegen in der Sonne, wie die Kadaver gestrandeter Wale. Möwen kreischen über unsere Köpfe hinweg und von der Ferne dringt das Schlagen von Metall auf Metall zu uns herüber. Die Tide ist bereits gekippt, die Flut kommt, wir kehren um.